Ravi Roy im Gespräch mit Rocco Kirch

Heilung durch Bewusst-Werden

Homöopath Ravi Roy

Ravi Roy, indischer Arzt, ist einer der bekanntesten, aber auch umstrittensten Homöopathen im deutschsprachigem Raum. Seit 20 Jahren lebt er in Deutschland, in Murnau am Staffelsee, ist verheiratet mit Carola Lage – Roy und Vater dreier Söhne, lehrt und forscht auf dem Spuren Hahnemanns. Rocco Kirch besuchte Ravi Roy und seine Familie in ihrem Haus und unterhielt sich mit ihm über Kranksein und Heilung im homöopathischen Sinne.

Kirch: Herr Roy, Sie sind einer der bekanntesten Homöopathen im deutschsprachigem Raum. Wie sind Sie dazu gekommen, sich in Deutschland niederzulassen und hier zu arbeiten?

Roy: 1974 nahm ich mir vor, aus allen mir damals zugänglichen Quellen das Repertorium zu ergänzen. Nachdem ich bereits eine Weile intensiv daran gearbeitet hatte, erkannte ich, dass schon allein durch das Nachtragen aus den mir zur Verfügung stehenden engl.-sprachigen Quellen ein mehrbändiges Repertorium entstehen würde. Da dachte ich mir, ich studiere gleich die Quellen in französischer, spanischer und deutscher Sprache, um auch diese mit einzubeziehen. Also begann ich 1975 die deutsche Sprache zu lernen, ein Jahr später auch Französisch und Spanisch. Im gleichen Jahr nahm ich Kontakt zu Karl Lachowski auf, und der lud mich nach Deutschland ein. Ende 1976 kam ich erstmals für 10 Monate nach Deutschland. Bald begannen Karl und ich das Buch „Elemente der Homöopathie“ zu schreiben. Es blieb zunächst unvollendet, da ich nach Indien zurück musste. 1979 kam ich wieder nach Deutschland, um mit Karl das Buch zu vollenden. Karl hatte quasi für mich den Boden in Deutschland bereitet, viele Menschen für mich und meine Arbeit interessiert. Schon bald leitete ich einmal wöchentlich abends eine homöopathische Arbeitsgruppe. Während dieser Zeit lernte ich dann auch meine Frau Carola kennen. Ich blieb also in Deutschland. Langsam wuchsen die damaligen Homöopathieabende zu meinem heutigem umfassenden Kurs- und Forschungsangebot.

Kirch: Wie verstehen Sie die Homöopathie Hahnemanns?

Roy: Ich verstehe sie als eine Heilswissenschaft, die es wagt, alle möglichen Krankheiten in ihrem Grund zu heilen.

Kirch: Sind Sie da der gleichen Meinung wie Hahnemann? Ist nicht Ihr Begriff dieser Heilswissenschaft erweitert?

Roy: Für Hahnemann war das höchste Ziel die Heilung des Kranken, und er beschäftigte sich nicht weiter mit den grundlegenden Ursachen der Krankheit. Er hörte dort auf, wo er sagte: „…die Lebenskraft ist krank, und diese muss mit Hilfe des Ähnlichkeitprinzips befreit werden.“ Meine Auffassung von Krankheit entspringt der Geisteswissenschaft, die besagt, dass die Lebenskraft als solche nicht erkranken kann, sondern lediglich in ihrer Arbeit behindert wird. Der Effekt dabei könnte folgendermaßen verstanden werden: wenn Strom durch einen Widerstandsregler fließt, dann bestimmt der Widerstand die Menge der durchfließenden Elektrizität. Der Mensch ist aber wesentlich komplexer als ein Widerstandsregler und hat die verschiedensten Arten und Möglichkeiten von Widerstand. Insofern ist der Widerstand der Grund für die Krankheit.

Kirch: Sie sagen „Grund“ für die Krankheit. Ist dieser Grund identisch mit der „Ursache“ einer Krankheit?

Roy: Nein. Grund und Ursache können niemals identisch sein. Z.B. ein Wasserrohr platzt. Dann ist die Ursache ein zu hoher Wasserdruck in der Rohrleitung, und der Grund liegt in einer Schwäche der Rohrwandung an dieser Stelle. Bei Krankheiten sind die negativen bzw. destruktiven Emotionen die Ursachen, und die Gründe liegen in den Widerständen der Menschen, diese destruktiven Emotionen zu verwandeln.

Kirch: Herr Roy, Sie gelten als ein „LM-Potenzler“. Was hat Sie zu den LM-Potenzen gebracht?

Roy: Ein echter Wissenschaftler und genialer Mensch bleibt bis ins hohe Alter geistig frisch. Die LM-Potenzen sind die Entwicklung Hahnemanns in seinem letzten und fruchtbarsten Lebensjahrzehnts. Sie stellen eine konsequente Weiterentwicklung seiner Vorgehensweise dar. Er selber sagte dazu, dass er die Menschen schneller, und ohne die berühmten Verschlimmerungen heilen wollte. Dieses Vorhaben gelang ihm durch die Entwicklung der LM-Potenzen. Ich arbeitete selber jahrelang mit C-Potenzen, auch mit den höchsten, und genauso lang mit LM-Potenzen. Dabei fand ich Hahnemanns Aussage zu den LM-Potenzen voll bestätigt.

Kirch: Aber in Ihrem Buch „Selbstheilung durch Homöopathie“ empfehlen Sie doch immer mittlere C-Potenzen?

Roy: Aus zwei Gründen: 1. sind dort akute Fälle beschrieben. Dabei können C-Potenzen genauso gut wie LM-Potenzen wiederholt werden, ohne dass dadurch immer Verschlimmerungen eintreten. 2. ist die richtige Handhabung von LM-Potenzen meines Erachtens noch zu unbekannt, besonders für interessierte Laien, aber auch für viele Homöopathen zu schwierig.

Kirch: Sie sagten einmal, dass Heilung nur durch „Bewusst-Werden“ möglich ist. Was meinen Sie mit „Bewusst-Werden“?

Roy: Dies kann in vielerlei Hinsicht betrachtet werden. Wir sprechen von „Bewusst-Werden“, wenn unsere uns bekannten Schwächen in Zusammenhang mit realen Lebensproblemen gesehen werden können. Dann sind wir fähig, diese Schwächen ernsthaft zu bearbeiten. Auch können wir dann von Bewusst-Werden reden, wenn uns plötzlich eine vergangene Begebenheit einfällt, welche ein Verhaltensmuster in uns erklärt. Oder aber, wir werden uns einfach über ein Verhaltensmuster bewusst, und lassen es dabei bewenden. Ein Beispiel dazu: eine bestimmte Person wird immer dann, wenn sie aus einem Kreis von Menschen weggehen will, in eine heiße Diskussion verwickelt. Diese kann oft stundenlang ausufern und ist mit großen Frustrationen verbunden. Die betreffende Person erkennt plötzlich dieses Muster, verspürt aber kein Verlangen es zu ändern. Die schmerzhaftesten Erkenntnisse haben wir dann, wenn tief unbewusste, oder verdrängte Inhalte ins Licht des Bewusstseins treten.

Kirch: Das heißt also, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt bewusst zu werden: unvermittelt, durch Lebensereignisse, Initiation, Psychotherapie, Homöopathie usw. Was macht denn den besonderen Wert der Homöopathie dabei aus?

Roy: Dieser besondere Wert liegt in der Möglichkeit der passenden homöopathischen Arznei, in uns Türen zu bestimmten Ebenen zu eröffnen. Die homöopathische Arznei wirkt auf der geistigen Ebene des Menschen begleitend und unterstützend. Höhere Potenzen ermöglichen dies in besonderer Weise. Die Person des Homöopathen spielt selbstverständlich dabei auch eine wichtige Rolle. Ein verantwortungsvoller Behandler gibt durch die Arzneimittelgabe sein Einverständnis, dem Patienten in, durch das Mittel ausgelösten, schwierigen Momenten beizustehen. Wenn Bewusst-Werden sich in anderer Weise vollzieht, ist es nicht selbstverständlich, dass eine weitere Begleitung des betreffenden Menschen stattfindet. Um dies deutlicher zu machen: die eingenommene Arznei ist, solange sie im Patienten wirkt, anwesend, der Psychotherapeut zum Beispiel, nur während der Sitzung. Ohne spezifische Hilfe kann der Patient alleine, da kein Behandler permanent da ist, solch schwierige Situationen nicht immer durchstehen. Insofern ist die homöopathische Arznei als „verlängerter Arm“ des Therapeuten zu verstehen.

Kirch: Es ist doch nicht unwichtig, welche „Türe“ durch die homöopathische Behandlung „geöffnet“ wird. Nicht zu jeder Zeit ist es möglich oder nützlich für den Patienten, unbewusste Inhalte, oder Muster in sein Bewusstsein zu befördern. Welche Möglichkeiten halten Sie für besonders angezeigt in der homöopathischen Anamnese herauszufinden: wo der Patient gerade steht, was er gegebenenfalls an Bewusst-Werden braucht und wie viel er zurzeit tragen kann?

Roy: Wo er gerade steht und was er braucht sagt uns der Patient selber, wenn wir ihn nur sprechen lassen. Die geistigen Gesetzmäßigkeiten sorgen dafür, dass der Mensch sein Anliegen zur Sprache bringt, wenn wir ihm als Behandler die Möglichkeit dazu geben. Der Patient wird zwangsläufig zu seinem momentanen Thema kommen, vorausgesetzt wir verwenden kein Abfrageschema, sondern achten sensibel darauf, wo der Patient hin will. Dennoch bedarf dies einer genauen Führung des Patienten durch uns als Behandler. Will sagen, wir halten den Patienten auf seiner angefangenen „Spur“, und lassen uns durch nichts ablenken, bis wir das Ende dieser „Spur“ erreicht haben. In dieser „Spur“ finden wir die Richtlinien für die Frage: wo steht er und was braucht er an Bewusst-Werden? In der Art und Weise wie der Patient sich schildert, bekommen wir die Hinweise darauf, wie viel er zu tragen vermag und bereit ist. Hat er z. B. sehr offen über alles geredet, so ist anzunehmen, dass er relativ viel tragen kann.

Kirch: Allgemein wird immer behauptet, dass z. B. Kaffee, Kräutertee und viele andere Dinge die homöopathische Kur stören, wenn nicht gar verhindern. Doch viele Menschen können und wollen auf diese Dinge nicht unbedingt verzichten. Sind sie dann für die Homöopathie verloren?

Roy: Kein Mensch ist für die Homöopathie verloren, wenn er gewillt, ist den Heilungsweg zu gehen. Selbstverständlich haben die ganzen Genussmittel usw. den Organismus in eine gewisse Abhängigkeit gebracht. Jede Befreiung von einer Abhängigkeit bedarf der entsprechenden inneren Arbeit und braucht auch ihre Zeit. Dies ist immer und ganz natürlich individuell verschieden. In der Praxis erleben wir, wie die Menschen nach und nach ihre Abhängigkeiten ablegen.

Kirch: Heißt dies konkret, dass auch während der homöopathischen Kur z.B. Kaffee getrunken werden darf?

Roy: Wie alles, so kann auch dieses Problem nur individuell gesehen werden. Bei wirklich schwerwiegenden und bedrohlichen Situationen muss eine entsprechend strenge Diät verordnet werden. Ansonsten ist die Frage der Unverträglichkeit von Kaffee und anderen Genussmittel abhängig davon, inwieweit diese Unverträglichkeit die bestehenden Beschwerden verschlimmert oder nicht. Es versteht sich von selbst, dass eine wie auch immer geartete Unverträglichkeit im Zusammenhang mit dem Bewusstseinsstand der betreffenden Person gesehen werden muss. Von Verboten halte ich aus zwei Gründen nichts: 1. wird durch ein Verbot nie Heilung erreicht, da ein Verbot lediglich unterdrückt, und 2. ist der freie Wille des anderen heilig, unantastbar.

Kirch: Klassische Homöopathen suchen meist immer nach dem einem Heilmittel und verdammen die Verordnung von mehreren Arzneien gleichzeitig. Ich denke dabei nicht an die Arbeit mit homöopathischen Komplexmitteln, die meines Erachtens indiskutabel ist, sondern ich frage Sie, ob es krankhafte Zustände gibt, wo eine Verordnung von mehreren Mittel angezeigt wäre?

Roy: Hahnemann hat in den letzten 16 Jahren seines schöpferischen Lebens mit dem Verordnen von mehreren Arzneien gleichzeitig experimentiert. Seine Pariser Krankenjournale belegen eindeutig, dass er dort fast ausschließlich so arbeitete. Auch der geniale engl. Homöopath Burnett arbeitete fast ausschließlich so, und er hatte die größten Erfolge damit. Doch, und dies ist immer entscheidend, müssen die Verordnungen nach den einsehbaren homöopathischen Gesetzmäßigkeiten erfolgen, sonst behandelt man nur die Symptome der Krankheit, und nicht den Menschen an sich. Ein ganz einfaches Beispiel: jemand bekommt Calc. carb. als Konstitutionsmittel, durch Säfteverlust ist China angezeigt, also bekommt er neben dem Calc. carb. für den akuten Säfteverlust China.

Kirch: Sie geben öfter Hinweise auf iso- und tautopathische Mittel, die Sie unter bestimmten Voraussetzungen zu dem jeweiligen Konstitutionsmittel geben. Wann ist es nach Ihrer Ansicht nötig, auf solche Verfahren zurück zugreifen?

Roy: Tautopathisches Vorgehen wäre in Fällen von Abhängigkeit von Suchtmitteln oder allopathischen Medikamenten angezeigt. Hierbei müssen zum Konstitutionsmittel eine oder mehrere tautopathische Mittel gegeben werden, um den betreffenden Menschen aus der Abhängigkeit zu befreien. Unter Tautopathie versteht man die Arbeit mit den potenzierten Stoffen, welche Suchtcharakter haben. Manchmal werden wir als Menschen durch spezifische Substanzen in unserer Umwelt beeinträchtigt, ohne dass dies über eine Konstitutionsbehandlung gebessert werden kann. In solchen Fällen setzen wir die schädigende Substanz in potenzierter Form zusätzlich zum Konstitutionsmittel ein. Dieses Verfahren wird Isopathie genannt.

Kirch: Nachdem was Sie bisher ausführten, müsste es ja auch entgegen der landläufigen Meinung möglich sein, Patienten zu behandeln, die mit allopathischen Medikamenten eingestellt sind. Welche Kriterien würden Sie bei der Behandlung solcher Patienten anlegen?

Roy: Grundsätzlich können auch diese Menschen homöopathisch behandelt werden. Natürlich kann in solchen Fällen die richtige Arzneimittelfindung sehr schwierig werden. Das Ziel ist jedoch immer, den Patienten von den allopathischen Medikamenten zu lösen. Wenn der Patient gewillt ist, so ist er von jeglichen Allopathika befreibar.

Kirch: Stichwort Miasmen. In Deutschland gibt es einen homöopathischen Arzt, der bis vor kurzen behauptete: „Die Miasmenlehre von Hahnemann ist unpraktikabel, jedes homöopathische Arzneimittel stellt ein Miasma für sich dar.“ Nun, da offensichtlich die Miasmen „wieder entdeckt werden, versucht der gleiche die Miasmen über eine so genannte C -4-Homöopathie zu erklären. Was ist Ihre Ansicht dazu?

Roy: Die Unpraktikabilität einer Theorie im Allgemeinen muss immer erst bewiesen werden. Die Miasmenlehre Hahnemanns hat sich allerdings in der Praxis bewährt. Als Forscher auf dem Gebiet der Miasmen, können wir entweder diese Theorie erweitern, oder eine bessere, übergeordnete Theorie entwickeln. Die Behauptung, dass jedes Mittel ein Miasma darstellt, erfüllt weder die Bedingung, die Hahnemann’sche Theorie zu erweitern, noch die, eine bessere, übergeordnete zu sein. Die Miasmenlehre Hahnemanns besagt, dass alle Krankheiten ihren Ursprung in drei Grundkrankheiten haben. Seine Theorie ist insofern sehr praktikabel, als dass wir alle Krankheitserscheinungen zu der jeweiligen Grundkrankheit hin behandeln. Dadurch kann eine echte Stabilität im Befinden des Patienten erreicht werden.

Kirch: Haben Sie für sich diese Theorie erweitert?

Roy: Sie wurde schon von anderen Homöopathen erweitert, indem diese z.B. Tuberculismus als Miasma einführten. Dieses Miasma wird auch Pseudopsora genannt, also eine Kombination von Psora und Syphilis. Wiederum andere stellten Carcinonismus als Miasma dar, verständlich als eine Kombination der drei klass. Miasmen Hahnemanns. Hier und da werden auch Sycosyphilis und Psorasycose erwähnt. All diese Erweiterungen habe ich in meine Praxis eingebaut.

Kirch: Wir haben nun eine ganze Weile miteinander gesprochen. Dabei ist mir Ihre schlichte, klare und menschen- wie naturverbundene Art aufgefallen. Was lässt Sie so sicher und bescheiden in einer Welt sein, die durch Umweltzerstörung, Hunger, Krieg usw. geprägt ist?

Roy: Die geisteswissenschaftlichen Gesetze sind eindeutig. Wenn der Mensch bereit ist, das Destruktive in sich aufzugeben, und dies auch tut, wird er immer weniger von der Außenwelt manipuliert. In gleichem Maße jedoch wird er sensibler für das Leid, die Ungerechtigkeit usw. in der Welt. Das höchste und grundlegendste Prinzip ist das Licht Gottes. Es ist grenzenlos und ermöglicht alles. Es ist die einzige Freiheit, wenn der Mensch bereit ist, seine Ketten abzulegen. Ohne dieses Licht ist der Mensch nichts, mit diesem Licht ist der Mensch Meister seiner Welt. Derjenige, welcher dieses Licht ablehnt, und es tut mir leid zu sagen, derjenige wird dem Tod begegnen, der, welcher es akzeptiert und verinnerlicht, wird schon in dieser Welt in das ewige Leben hineingeboren.

Kirch: Sie dienen also dem Herrn?

Roy: Ja, ich diene dem Herrn.

Kirch: Herr Roy, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.