Ravi Roy: ein Erbe Hahnemanns

Artikel für Zeitschrift PULSAR (AUS) und Berliner Heilpraktiker Nachrichten 2/93
von HP Rocco Kirch

Normalerweise geht die Sache so: wenn Sie Durchfall haben, so nehmen Sie irgendwas zum Verstopfen, wenn Sie müde sind, etwas zum Wachwerden, wollen Sie schlafen und können nicht, seien Sie versichert, dass ihr Arzt oder Ihr Apotheker was zum Einschlafen hat. Ist doch ganz einfach mit der Gesundheit, oder? Ach, auch ihnen schwant langsam, dass da etwas nicht stimmen kann? Dennoch sind dies Beispiele für den Grundsatz der sog. Schulmedizin, der Allopathie, wie Hahnemann, der Begründer der Homöopathie, sie nannte.

Allopathie heißt gegensätzlich behandeln, Homöopathie versucht ähnlich zu werden und zu sein. Homöopathie bedeutet, ein Arzneimittel zu finden, welches beim normal gesunden Menschen ähnliche Symptome hervorruft, die beim erkrankten Menschen zu heilen sind.

Der deutsche Arzt Dr. Samuel Hahnemann entdeckte das Phänomen der Heilung durch Ähnlichkeit vor rund 200 Jahren, als er bei der Übersetzung von medizinischen Schriften auf die These stieß, dass die heilende Wirkung von Chinarinde bei Wechselfieber auf ihrer magenstärkenden Kraft beruhe. Er fand diese These mehr als merkwürdig, und zur Überprüfung unternahm er einen Arzneimittelselbstversuch mit Chinarinde, der bei ihm Fieberanfälle auslöste. Daraus folgerte er, dass die Heilkraft der Pflanze Chinarinde bei Wechselfieber wohl damit zu tun haben müsse, dass sie selbst so etwas hervorrufe.

Von nun an beschäftigte Hahnemann sich mit Versuchen, Krankheiten nach dem Ähnlichkeitsgesetz zu heilen. Dabei experimentierte er mit Stoffen aus dem Mineral­, Pflanzen- und Tierreich, um deren Wirkungen zu erforschen und eine Gesetzmäßigkeit des Heilens zu formulieren. Nach langen Jahren des Forschens und der Entbehrung gelangen ihm 1830/31, während einer Choleraepidemie große Heilerfolge. Kurze Zeit später, nach dem Tode seiner ersten Frau, siedelte er zusammen mit seiner zweiten Frau Melanie nach Paris über. Dort, in den letzten acht Jahren seines schaffenskräftigen Lebens, wurde er über alle Maßen mit seiner Heilkunst Homöopathie berühmt. Er vervollkommnte sie dort, selbst für Homöopathen bis in unsere Zeit fast unentdeckt, zur universellen gesetzmäßigen Heilkunst.

Wesentliche Maximen, die Hahnemann seinen Nachfolgern hinterließ, sind folgende:
Das höchste Ideal der Heilung ist die schnelle, sanfte und dauerhafte Wiederherstellung der Gesundheit oder Behebung und Vernichtung der Krankheit in ihrem ganzen Umfang auf dem kürzesten, zuverlässigsten und unnachteiligsten Weg. Die Behandlung soll nach deutlich einzusehenden Gründen erfolgen (Hahnemann, S., Organon der Heilkunst, Ausgabe 6 B, § 2).
In § 3, Abschnitt d, schrieb er:
Der Arzt soll (…) die nach ihrer Wirkungsart geeignetste Arznei dem Fall anpassen, indem er die genaue erforderliche Zubereitung, die geeignetste Menge (rechte Gabe) und die gehörige Wiederholungszeit der Gabe kennt.
Weiter gab er seinen Nachfolgern auf:“…macht’s nach, aber macht’s genau nach…“

Was hat das alles mit Ravi Roy zu tun, werden sie sich fragen, das gilt doch für alle Homöopathen!

Ja und nein. Was heute unter so genannter Klassischer Homöopathie firmiert, ist im wesentlichen geprägt durch James Tyler Kent, einem sicherlich sehr großen unter den Homöopathen. Nur was Kent nicht wusste, und auch nicht wissen konnte, weil Hahnemanns Nachlass erst jetzt richtig ans Tageslicht kommt, ist die Fortentwicklung Hahnemanns während seiner Pariser Zeit. Er gelangte von der ausschließlichen Verordnung von Einzelgaben der Arzneien zu Wiederholungen derselben, zu Verordnungen von sogar mehreren Arzneien gleichzeitig während einer Kur) und der systematischen Entwicklung von LM-Potenzen. Diese LM-Potenzen sind durch ihre extreme Verdünnung (bei je­dem Potenzschritt 1:50.000) im Verhältnis zu den üblichen C-Potenzen (1:100) und bei zehnfach häufigerer Verschüttelung (Dynamisierung) wesentlich gei­startiger als die C-Potenzen. Sie sind deshalb sanfter, weil sie der geistigen Sphäre des Menschen ähnlicher sind.

Ich habe Ravi Roy als denjenigen kennen gelernt, der sich meines Wissens am weitgehendsten mit der praktischen Fortführung von Hahnemanns Forschungen während dessen Pariser Zeit vertraut gemacht hat. Ravi Roy hat wohl als erster in mehr als zwanzigjähriger Arbeit die Verordnung von LM-Potenzen nach wissenschaftlichen Kriterien erforscht. Besonders hat er die Reaktionen der Patienten auf LM-Potenzen untersucht und formuliert.

Hahnemanns Methode, LM-Potenzen zu verordnen, erweist sich in der Praxis als sehr zuverlässig. Sie ist sanft und unnachteilig für die Patienten. Die berühmten Erstverschlimmerungen bei der homöopathischen Kur bleiben in der Regel aus. In den seltenen Fällen, in denen z.B. eine zu hohe LM-Potenz verordnet wurde, sind die darauf folgenden Erstverschlimmerungen wesentlich leichter zu beherrschen als bei C-Potenzen. Damit wird, bei ernsthafter Beachtung der homöopathischen Gesetzmäßigkeiten, die vermeintliche Notwendigkeit der Erstverschlimmerung als gutes Zeichen in der homöopathischen Therapie nachdrücklich widerlegt. Dies zum Wohle der Patienten, denen vermeidbares Leiden erspart werden kann.

In Roys Arbeit konnte ich auch eine andere Forderung Hahnemanns erfüllt sehen: die Anpassung der geeignetsten Arznei durch die erforderliche Potenz und Verdünnung, sowie die passendste Wiederholungszeit der Gabe (s.o.). LM-Potenzen erfüllen diese Forderung in besonderer Weise. Sie können sowohl viel besser und differenzierter dosiert werden als z.B. C-Potenzen, als auch ebenso differenziert wiederholt werden. Damit hat man als Behandler ein wesentlich weiteres Handlungsspektrum, um der Individualität eines jeden Patienten ge­recht werden zu können. Die Wiederholung bringt zusätzlich den essenziellen Vorteil für den Patienten, an seiner Struktur dranzubleiben, sich der krankmachenden Störung in sich langsam und sicher, gerade deswegen auch auf dem schnellsten Weg zu nähern, sich ihr bewusst zu werden und sie zu beseitigen. Dies erfüllt die Forderung Hahnemanns nach dem zuverlässigsten Weg. „Dennoch gibt es Menschen, welche kaum oder gar nicht auf LM-Potenzen ansprechen. Diese müssen deshalb mit C-Potenzen behandelt werden“, formuliert Ravi Roy und gibt Hinweise, wie dies erkannt und beurteilt werden kann.

Roy ist einer der wenigen, die Forschungen Hahnemanns auch in Bezug auf die Gabe von mehreren Arzneien gleichzeitig während einer Kur fortführen. Beisplw. bekommt ein Patient Calcium carbonicum als Konstitutionsmittel. Hat er dabei einen akuten Säfteverlust, so kann man zu Cal. carb. z.B. China für das akute Geschehen zusätzlich verordnen. Bei dieser Verordnungsweise müssen aber unbedingt, wie auch bei der Verordnung von Einzelmitteln, die homöopa­thischen Gesetzmäßigkeiten strikt eingehalten werden.

In meiner eigenen Praxis konnte ich mich von den enormen Vorzügen dieser Behandlungsweise überzeugen. Ebenso verhält es sich mit den entscheidenden Hilfen und Hinweisen Ravi Roys bzgl. tautopathischer und isopathischer Vorgehensweisen, um ggflls. die homöopathische Konstitutionstherapie zu unterstützen. Gerade in unserer Zeit, in der Süchte, Abhängigkeiten und Umweltbelastungen, wie auch allopathische Behandlungen und Impfungen ein oft kaum zu meisterndes Hindernis in der homöopathischen Therapie darstellen.

Als Homöopath versucht man immer auf die Grunderkrankung hinzuarbeiten (Miasmen). D.h. wir dürfen die Miasmen nie außer Acht lassen. Es ist erstaunlich mit welcher Selbstverständlichkeit und Sicherheit Ravi Roy diesen unabdingbaren Aspekt selbst in die scheinbar einfachsten Therapiehinweise eingearbeitet hat.

Ein wichtiger Aspekt in jeder homöopathischen Arbeit, ganz besonders wichtig für angehende Homöopathen, ist das vorurteilsfreie Forschen. Dazu gehört die unabdingbare Bereitschaft, sich nicht, wie Hahnemann es nannte, übersinnlichen oder theoretischen Ergrübelungen hinzugeben, sondern präzise zu hinterfragen, den Gesetzmäßigkeiten entsprechend zu experimentieren, kurz zu überprüfen. Dabei allerdings, und darauf legt Ravi Roy großen Wert, sich selbst nicht auszuschließen, und vor allem keiner noch so vorherrschenden Meinung nachzulaufen. Roy meint, und dazu kann man ihm nur beipflichten, dass es absolut notwendig ist, als Homöopath ein echter Wissenschaftler zu werden. Eben weil, und dies hat Hahnemann in außerordentlicher Weise vorgelebt, Homöopathie eine materielle Wissenschaft ist, welche die individuelle Eigenart eines jeden Patienten in seiner jeweiligen Gesamtsituation zu erfassen sucht, um heilen zu können. Leben an sich ist dynamischer Natur. Homöopathie erfüllt dieses Prinzip in vollem Umfang, und ist deshalb immer prozeßhaft.

Homöopath werden bedeutet wahrhaftig werden. Ravi Roy überzeugt in seiner Arbeit und seinem Wesen eben gerade dadurch, daß er sich mit dem Schöpfer durch Übung aus Bedürfnis, und nicht aus bloßem, sondern aus freiem Glauben heraus verbunden weiß. Bescheiden und dennoch bestimmt geht er einen Weg, wie ihn Hahnemann vorgezeichnet hat. Dabei versucht er, seinen Schülern durch sein Beispiel den Weg zur Homöopathie, und damit auch einen Weg zu sich selbst und zu Gott finden zu lassen.

„…macht’s nach, aber macht’s genau nach…“, dieses Wort vom Meister Hahnemann kann doch nur bedeuten, die geistigen Gesetze wie die darauf fußenden homöopathischen Gesetzmäßigkeiten zu achten und zu respektieren, um Gewissheit erlangen zu können. Nur dann können wir zu wahren Erben Hahnemanns werden, so wie Ravi Roy einer ist.

Berlin, den 17.02.93