Homöopathie – Science Fiction oder Realität?

Artikel von Ravi Roy für Berl. Heilpraktiker Nachrichten 6/92

bearbeitet herausgegeben von HP Rocco Kirch

Science Fiction Autoren versuchen eine Realität darzustellen, die vom herrschenden Wissensstand gesehen wahrscheinlich sein kann. Alle technischen und naturwissenschaftlichen Kenntnisse und theoretischen Vorstellungen werden so in die Erzählung eingebaut, dass eine weiter entwickelte Welt möglich erscheint. Es gibt zwei Hauptkriterien für gute Sience Fiction: 1. verwirklicht sich die Vorstellung des Autors in der nicht weit entfernten Zukunft, und 2. die wissenschaftliche Basis ist sehr grundlegend durchdacht. Wenn gleich beide Bedingungen erfüllt werden, dann haben wir Science Fiction der Spitzenklasse.

Hahnemann, der Begründer der Homöopathie, schrieb seine erste Ausgabe des „Organon der Heilkunst“ im Jahre 1810. Dieses Buch enthält die ganze Wissenschaft der Homöopathie. Damals, wie auch heute noch, ist es für viele eine aberwitzige Science Fiction.

Stellen wir uns einen weitsehenden Sience Fiction Autor im Jahre 1610 vor. Die Erzählung von Hahnemann, seiner Homöopathie und dem Organon der Heilkunst könnte folgendermaßen ausschauen:

Es lebte in einem schönen kleinen Dorf am südlichen Ufer der Loisach ein großer Junge namens Jacob Tausendgüldenkraut. Die Natur war seine Heimat, die Wiesen seine Freunde und die Blumen seine Lieblinge. Er hatte einen Onkel namens Johan Friederich von Hohenstein, den er innig liebte. Johan Friederich war ein viel belesener und gebildeter Mann, der immer gerne aus der Stadt heraus in die unverfälschte Natur wanderte. Onkel und Neffe pflegten viele Stunden in der Natur zu verbringen und miteinander zu reden. Es gab keine Themen, die sie scheuten anzugehen. So fragte eines Tages Jacob seinen Onkel Johann: „Onkel, werden wir jemals von den schrecklichen Krankheiten befreit?“ Der Onkel hielt eine zeitlang inne und erwiderte dann: „Mein Sohn, was ich dir jetzt erzähle, darfst du niemals jemandem verraten. Die Welt ist noch zu schlecht und unwissend. Es könnte dich dein Leben kosten. Wie du schon weißt, sind alle Krankheiten von den Menschen selbst geschaffen. Also müssen sie auch vom Menschen wieder abgeschafft werden. In Gottes Reich gibt es nur Perfektion und Herrlichkeit. In genau 145 Jahren wird ein Meister geboren werden, welcher der Menschheit die wahre Wissenschaft der Heilkunst geben wird. Sein Name wird Christian Friedrich Samuel Hahnemann lauten. Schon als Kind wird ihm sein Vater die Grundlagen des richtigen Denkens einprägen. Seine Wissbegier wird keine Grenzen kennen und bis spät in die Nacht wird er in seine Bücher vertieft sein. Nachdem sein Vater ihm alle Lampen und Kerzen entzieht, wird er sich selbst eine Tonlampe basteln, um sein Herzbegehren heimlich zu verfolgen. Die Jahre des Aufruhrs, der Tumulte und die Armut seines Elternhauses lassen Samuel erst mit 20 Jahren die Schule beenden. Er wird Medizin studieren und 1790, nach vielen Jahren der Entbehrung, Enttäuschung und Erfahrung, auf ein Heilsgesetz stoßen. Dieses Gesetz besagt, dass jegliche Unterdrückung der Krankheitssymptome die Krankheit mindestens in ihrer ursprünglichen Form und Größe bewahrt, oft aber an Kraft gewinnen lässt. Wendet man jedoch das der Unterdrückung entgegengesetzte Ähnlichkeitsprinzip an, so wird der Weg zur Heilung eingeschlagen.“

Jacob unterbrach hier und fragt: „Onkel, du sagst, der Weg der Heilung wird eingeschlagen und nicht, die Heilung findet statt?“

„Richtig, mein Sohn, „ antwortet Johann, „lass mich dir deshalb den Aufbau der Naturgesetze und der Wissenschaften erklären. Die Wissenschaft kann in drei große Bereiche aufgegliedert werden:

  1. die materielle Wissenschaft oder die so genannten Naturwissenschaften.
  2. die Sozialwissenschaften.
  3. die Geisteswissenschaften.

Zu 1.: die materiell-physikalischen Wissenschaften (Physik, Chemie, Mathematik, usw.) akzeptieren die meisten Menschen passiv. Doch können diese materiellen Wissenschaften durch falsche Anwendung für das menschliche Wohlergehen bedrohlich und dann in Frage gestellt werden. Das falsche Anwenden der physikalischen Wissenschaften ergibt sich durch das Nichtbeachten der Sozial- und der Geisteswissenschaften.

Zu 2.: die Sozialwissenschaften (Politik, Soziologie, Psychologie, usw.) stehen über den Naturwissenschaften. Sie sollen den Verlauf der täglichen Kommunikation und des Verkehrs unter den Menschen einander ordnen. Doch dies allein wird noch zu sehr begrenzt sein. Denn selbst bei Tieren kann man rudimentäre Formen von sozialem und materiellem Wissen beobachten. Über allem aber stehen die Geisteswissenschaften.

Zu 3.: die Geisteswissenschaften beschäftigen sich mit der Schöpfungskraft, welche die ganze Natur durchdringt und alles darin kontrolliert. Die Schöpfungskraft ist die unendliche Liebe und Intelligenz. Sie hält die ganze Natur in Harmonie und führt alles mit Perfektion durch. Die Schöpfungskraft wird auch Lebenskraft genannt; sie ist es, welche den kranken Menschen heilt. Samuel Hahnemann wird diese Wahrheit in seinem ganzen Werk anerkennen. Die Homöopathie wird eine materielle Wissenschaft sein, deren Wirkung auf den feinstofflichen Körper gerichtet ist. Sie wird sowohl die physikalischen Wirkungen, als auch die psychischen und geistigen Wirkungen betrachten. Die Erscheinungen einer Krankheit werden also in ihrem gesamten Umfang erfasst werden. Je gründlicher dieses Erfassen der Krankheitszeichen vorgenommen wird, desto sicherer kann dann die Arzneiwahl erfolgen. Das absolut gründliche Erfassen der Krankheitserscheinungen ist eine der wesentlichsten Voraussetzungen für die wissenschaftliche Untersuchung. Nichts ist bedeutungslos, auch wenn zunächst die Zusammenhänge nicht klar sind oder verstanden werden. Die wissenschaftliche Untersuchung muss selbst die kleinsten Details subjektiv und objektiv zu erfassen suchen.

Was bewerkstelligt nun eine homöopathische Arznei? Der Begriff „Arznei“ wird für einen wahren Homöopathen fragwürdig bleiben. Durch das spezielle Herstellungsverfahren von homöopathischen Arzneien (verdünnen, verschütteln bzw. verreiben), ist jenseits der Lohschmidt’schen Zahl (10 24) tatsächlich kein Molekül eines Arzneistoffes chemisch mehr nachweisbar. Bedingt durch diese Herstellungsweise kann eigentlich nur davon ausgegangen werden, dass z.B. bei einer auf C 30 potenzierten homöopathischen Arznei lediglich die „geistartige“ Information oder Energie des Arzneistoffes auf die Trägersubstanz (Alkohollösung oder Milchzucker) übertragen wird. Dies ausführlicher zu diskutieren, würde uns jetzt aber zu weit abschweifen lassen.

Die homöopathische Arznei wird eine Bewußtseinsänderung beim kranken Menschen bewirken. Diese Bewußtseinsänderung sollte dem augenblicklichen Krankheitsprozess des Patienten entsprechen. Dies kann dem erkrankten Menschen zeigen, was er unternehmen muss, um sich aus seinem krankhaften Zustand zu befreien. Der höhere Mentalkörper stellt der Person eine gewisse Energie für diese Vorhaben zur Verfügung. So ist es völlig offen, inwieweit sich die betreffende Person auf den Weg der Heilung begibt, wie weit sie ihn geht und wie schnell sie darauf voran kommt usw.

Ein Beispiel: jemand hat anscheinend eine Abwehrschwäche. Diese könnte leicht und schnell beseitigt werden, da der Organismus zur Gesundung lediglich eine „richtige“ Anweisung, d.h. Information braucht. Liegt jedoch eine echte Abwehrschwäche vor, wo der Organismus viel Neues lernen müsste, wird es entsprechend schwieriger sein und länger dauern. Hierzu müssten bestimmte Maßnahmen, besonders bei der Ernährung, beachtet werden. Gesellt sich dann noch eine Schwäche der Vitalebene hinzu, würden wir mit einem echten Problem konfrontiert. Hier wäre es unabdingbar, die Vitalkraft schnellstens zu stabilisieren, und wenn möglich wieder aufzubauen. Gelänge dies nicht, so bestände u.U. beim nächsten Angriff auf das Abwehrsystem absolute Lebensgefahr für den Patienten. Ein echter Mangel an Vitalstoffen kann durch eine homöopathische Arznei nicht behoben werden. Hingegen ist es möglich, Assimilisationsprobleme von Vitalstoffen durch eine geeignete homöopathische Therapie zu beseitigen. Ähnlich verhält es sich mit den therapeutischen Möglichkeiten der anderen Wissenschaften wie Soziologie, Psychologie usw. Auch sie sind nicht geeignet, tatsächlich Fehlendes auszugleichen.

Damit kommen wir zu den Geisteswissenschaften. Jegliche echte und dauerhafte Heilung ist abhängig davon, inwieweit wir die göttlichen Gesetze kennen, achten und unser Leben danach ausrichten.

Nun, Jacob, ich denke dir ist jetzt verständlich, was ich meine, wenn ich sage: der Weg zur Heilung wird eingeschlagen.“

„Verstehe ich, „ erwiderte Jacob, „du hast es die Wissenschaft der Homöopathie genannt. Hahnemann wird wohl ein genialer Wissenschaftler werden müssen, um solch eine wissenschaftliche Heilkunst wie die Homöopathie zu begründen. Welche besonderen Eigenschaften kennzeichnen einen wahren Wissenschaftler weiter noch, Onkel?“

„Wohl war“, antwortete der Onkel, „Hahnemann wird ein wirklich bedeutender Wissenschaftler. Wie jeder andere große Geist wird er sich nicht vor Spott und Hohn seiner Zeitgenossen scheuen.

Eine weitere schätzenswerte Eigenschaft eines Wissenschaftlers ist, sich von der Suche nach der Wahrheit durch nichts abbringen zu lassen. Standfestigkeit, sich nicht durch Meinungen verunsichern zu lassen gehört ebenso dazu, wie das Beseeltsein von großem Mut. Ein Wissenschaftler lehnt nicht ungeprüft etwas ab, genauso wenig wie er alles gleich akzeptiert. Er lässt sich nur durch Tatsachen und Gewissheit leiten und sagt nie: ich glaube nicht. Ausdauernd und unermüdlich sucht er den Weg zur Wahrheit, so unwahrscheinlich und beschwerlich dieser Weg auch immer sein mag.

Hahnemann wird die Medizinwelt mit den Worten: „Macht’s nach, aber macht’s genau nach!“ auffordern, ihm auf dem Weg der wissenschaftlichen Heilkunst zu folgen.

Dies bedarf einiger Erklärung: wenn in den physikalischen Wissenschaften experimentiert wird, so tut man das getreu den Gesetzen und Vorschriften der entsprechenden Wissenschaft. Weshalb sollte es in der Homöopathie anders sein? Erst wenn die Grundsätze der Homöopathie erlernt und gemeistert sind, ist es möglich, das Wissen experimentell zu erweitern. Sonst wird man gar nicht wissen, was man da tut und kann nicht erkennen, was geschieht.

Aude sapere, die Inschrift des Torbogens von St. Afra, der Schule Hahnemanns, dieses wage zu wissen, wage weise zu sein, dieses Aude sapere und stetiges geistiges Wachstum sind kennzeichnend für jeden echten Wissenschaftler. Hahnemann wird zeitlebens nie aufhören zu forschen, zu experimentieren, Wissen zu sammeln um zu heilen. Dies wird das Vermächtnis an seine Nachfolger sein.

Jacob, es ist spät geworden, lass uns an dieser Stelle enden. Bei passender Gelegenheit werden wir die Erforschung des wunderbaren Lebens weiterverfolgen.

Vielen Dank Onkel Johann, und alle Ehre Samuel Hahnemann.“